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Henriks großer Tag

„AAAAHHHH!“ Mit markerschütterndem Gebrüll und einem riesen Satz sprang Henrik in das Bett seiner Eltern. Er landete genau zwischen ihnen. Mama grummelte nur kurz, rollte sich auf die andere Seite und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

„Aufstehen! Heute ist mein großer Tag.“ Mama murmelte irgendetwas wie „Dann mach schon mal Frühstück“, aber Papa widersprach. Er hatte auf den Wecker geschaut „Frische Schrippen gibt’s dann nicht, der Bäcker hat noch zu.“ „Dann eben keine Schrippen“, meinte Henrik. „Henrik, wir fahren in sieben Stunden los. Wir haben also genügend Zeit, in Ruhe zu frühstücken und Mittag zu essen und uns vorzubereiten“, Papa war leicht ungeduldig. „Wenigstens Tee, bitte“, kam Mamas Stimme unter der Bettdecke hervor. „Na gut“, erwiderte Henrik gönnerhaft und trollte sich in die Küche.

„Wie soll das erst bei seiner Muntfeier werden?“ stöhnte Mama. „Da haben wir ja noch drei Jahre Zeit“, tröstete Papa.

In der Zwischenzeit fuhrwerkte Henrik in der Küche, klapperte mit Geschirr und Besteck und bereitete tatsächlich Frühstück für die ganze Familie vor. Seine Eltern staunten nicht schlecht, als sie wenig später etwas verschlafen im Esszimmer auftauchten. Das versöhnte sie etwas mit der doch recht frühen Störung. Und Sonntagsfrühstück mit Müsli und Toast war fast so gut, wie mit Schrippen.

Erstaunlicherweise redete Henrik während des Essens nicht ununterbrochen von dem bevorstehenden Ereignis. Nach dem letzten Krümel Toast und dem letzten Löffel Müsli brachte er ohne Aufforderung sein Geschirr in die Küche und verschwand im Bad. Mama und Papa sahen sich verwundert an.

„So, ich bin fertig!“ tönte es kurz darauf. Die Eltern, die gerade bei einer gemütlichen zweiten Tasse Tee saßen, hoben erstaunt die Köpfe. Fix und fertig angezogen stand Henrik in der Tür. Papa sah auf die Uhr. „Es sind immer noch sechs Stunden.“ „Können wir nicht früher fahren?“ quengelte Henrik. „Nein, die Anderen kommen doch auch erst später.“ Schmollend verschwand Henrik wieder in seinem Zimmer und übte noch mal seinen Text. Der war ja nicht lang und Henrik konnte ihn längst auswendig. Er wollte alles sehr gut machen, damit niemand sagen konnte, er wäre noch zu jung.

Die nächsten Stunden waren zäh und langweilig, gingen aber schließlich doch vorbei. Endlich packten sie Opferbrot, Henriks Horn, Papas Torc und den Hammer ins Auto, stiegen ein und los ging es Richtung Autobahn. Einmal rund um Berlin ans andere Ende der Stadt.

Sie waren die Ersten, die bei Richard eintrafen. In seinem Garten hatte er einen kleinen, feinen Blôtplatz eingereichtet, den die Gruppe regelmäßig für ihre gemeinsamen Rituale nutzte. Nur wenn sich zu viele ankündigten, wichen sie auf einen anderen, größeren Platz aus.

„Zeigst Du mir noch mal alles?“ bettelte Henrik. „Klar, mach ich, „sagte Richard“, komm, wir gehen raus.“ „Ich koch’ inzwischen Kaffee“, erklärte Mama. Kurz darauf trudelten auch die restlichen Mitglieder der Gruppe ein. Bei Kaffe und Kuchen wurde erst einmal erzählt, was sich alles ereignet hatte. Henrik hielt es vor Ungeduld kaum noch aus. Aber dann war es soweit: Sie gingen alle hinaus zum Blôtplatz. In der Mitte stand der Feuerkorb, daneben der Eimer mit dem Holz, den Henrik und Richard vorbereitet hatten.

Claudia legte ein Tuch vor den Altar und stellte ein großes Horn dazu. Mama reichte ihr das Opferbrot und das kleinere Horn für Henrik, der keinen Met trinken durfte. Papa legte seinen Torc an, er würde das Ritual leiten. Sie verließen den Ritualkreis wieder und versammelten sich außerhalb, um sich kurz einzustimmen. Dann betraten sie den Kreis und stellten sich auf.

Henrik blieb dicht bei Richard, der als Feuerwart für das Entzünden und Unterhalten des Feuers zuständig war. Henrik hatte dieser Dienst schon fasziniert, als er noch viel jünger war und er wollte unbedingt auch Feuerwart werden. Er hatte Richard immer genau beobachtet, abgeschaut, wie er das Holz sorgfältig in den Metallkorb schichtete, so dass es gut brannte. Nach und nach war er ihm immer mehr zur Hand gegangen, bis er sicher war, selber ein gutes Feuer entzünden zu können. Heute war es endlich soweit, dass er, Henrik, diese Aufgabe alleine ausführen durfte. Er war stolz.

Feuer im Korb

Feuer im Korb

Er wusste, dass viele Kinder in seinem Alter leichtsinnig mit Feuer umgingen und nicht gut aufpassten. So war er nicht. Er wusste, wie gefährlich Feuer sein konnte und war sehr achtsam und vorsichtig. Mama und Papa hatten ihn oft dafür gelobt. Trotzdem durfte er nicht alleine damit umgehen, sondern nur, wenn Erwachsene dabei waren. Aber wieso sollte er auch alleine mit Flammen herumspielen, wenn er beim Blôt Feuerwart sein durfte?

Henrik sah zu Richard, der ihm lächelnd auf die Schulter klopfte. „Du machst das schon!“

Das Ritual begann. Papa hob seine Arme und bat um Thors Schutz für das Blôt. Die einleitenden Worte bekam Henrik gar nicht mit, immer wieder schaute er Richard an, um ja nicht seinen Einsatz zu verpassen. Richard nickte ihm zu. Henrik legte sorgfältig sehr dünne, trockene Ästchen in den Feuerkorb. Er nahm das ganz lange Feuerzeug hervor, mit dem er weit genug von der Flamme entfernt war und entzündete die Äste mit den Worten:

„Zu Ehren der Hohen Götter entzünden wir das Heilige Feuer,
Feuer der Schöpfung und des Schicksals der Welten,
Feuer, das Wärme und Wahrzeichen des Herdes ist.
Möge Flamme wachsen an Flamme,
dass Leben, Licht und Leben sich mehren,
und nicht verlöschen vor der Zeit!“

Er verstand nicht alles von diesem Text, obwohl Richard versucht hatte, ihm einiges zu erklären. Jedenfalls wusste er, wie wichtig das Feuer früher für die Menschen gewesen war. Ohne Feuer hatten sie nichts zu essen und keine Wärme. Es war wichtig, das Herdfeuer im Haus zu hüten.

Nach und nach legte er größere Ästchen, dann kleine Äste auf die wachsende Flamme. Die anderen sangen währenddessen das Tausend-Götter-Lied. Als das Feuer fürs erste hell genug brannte, trat Henrik stolz in den Kreis zurück und das Ritual ging weiter. Henrik war nicht besonders aufmerksam, weil er sich darauf konzentrierte, nicht zu verpassen, wann er Holz nachlegen musste. Beinahe war er erstaunt, als Claudia ihm von rechts das Horn reichte. „Trink Heil!“ „Sei Heil!“ erwiderte Henrik und fühlte sich sehr erwachsen. Er hob das Horn und trank auf Richard, als Dank, dass er ihn gelehrt hatte, Feuerwart zu sein.

Noch einmal legte er Holz nach und hell loderten die Flamen auf. Papa sprach die letzten Worte, das Ritual war beendet. Richard umarmte ihn freundschaftlich, wie ein Mann den anderen. „Gut gemacht!“ lobte er. Auch Mama umarmte ihn. „Ich bin stolz auf Dich.“ Henrik hörte den ganzen Abend nicht mehr auf zu strahlen und in der Nacht träumte er von allen Feuern, die er noch als Feuerwart entzünden würde.

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  1. Wulfhilds Geschichten « Alte Sitte:

    […] “Henriks großer Tag“ […]

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