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Wut – eine Donnerstagsgeschichte

Thorsten war sauer. Nein – er war wütend, richtig wütend. Er hockte auf seinem Bett und kaute verbissen an seinem Daumennagel. Freunde wollten das sein? Miese Verräter waren das, sonst nichts. Und er hatte ihnen vertraut. Mit einem Tritt beförderte er sein Kopfkissen in die Zimmerecke.

Dabei hätte es beinahe das Bild von Thor, Thorstens Fultrui von der Wand gerissen. Thorstens Blick blieb an dem Bild hängen, auf dem der Gott kraftstrotzend und kampfbereit seinen Hammer schwang. Er nickte dem Bild zu. „DU verstehst das“, meinte er. „Aber Du kämpfst, wenn Du wütend bist und vernichtest Deine Feinde.“ Grimmig fasste Thorsten einen Entschluß. Er konnte das einfach nicht auf sich sitzen lassen. Er musste etwas tun, sich wehren. Sie sollten nicht glauben, dass sie ihn so behandeln konnten. Er wollte kämpfen.

Thorsten sprang von seinem Bett und lief in den Flur. Dorte schnappte er sich seine Jacke und ließ seine Armmuskeln spielen, als er am Spiegel vorbei ging. Wozu machte er drei Mal in der Woche Krafttraining? Er würde es diesen Fieslingen schon zeigen.

„Bin noch mal weg“, rief er seiner Mutter zu und dann fiel schon die Wohnungstür ins Schloß. Draußen schlug Thorsten den Weg zum Spielplatz zwei Straßen weiter ein. Dort traf er sich oft mit seinen Freunden. Abends war dort nichts mehr los und sie hatten ihre Ruhe.

Es dämmerte schon, als er ankam. Von den anderen war nichts zu sehen. Thorsten überlegte, ob er sich verstecken und ihnen auflauern sollte, aber das kam ihm feige vor. Also setzte er sich auf eine der Kinderschaukeln und wartete. Sie würden schon kommen. Er wusste, dass seine Mutter sich Sorgen macht, weil sie seine Stimmung bemerkt hatte. Sie hätte jetzt sicher lieber mit ihm geredet, um ihm zu helfen. Aber es war Zeit, dass er seine Angelegenheiten selber regelte. Und zwar wie ein Mann.

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Kamen sie? In der Dämmerung sah er einen Schatten den Spielplatz betreten. Von den Umrissen her, sah er nicht wie einer seiner Kameraden aus. Er war zu groß, zu breit. Im Näherkommen, erkannte Thorsten mehr. Der Mann trug einen dichten Bart, an seinem Gürtel hing – ein Hammer. Thorsten blinzelte. Er konnte wohl nicht mehr richtig gucken. Der Mann setzte sich auf eine der Bänke, die tagsüber von Müttern mit kleinen Kindern bevölkert wurden und sah Thorsten an, ohne etwas zu sagen. Thorsten schluckte. Wegrennen? Das war auch feige.

„Nun?“ fragte der Fremde endlich. „Bist du…. Äh, sind sie….“, Thorsten stammelte. „Thor, ja genau, ich bin dein Fultrui. Nach Deinen Worten vorhin, muß ich mich jetzt wohl mal einmischen.“ „Aha. Willst Du mir helfen?“ Thorsten fasste Mut. Wenn der Donnergott an seiner Seite kämpfte, konnte nichts schief gehen.

„Ja“, entgegnete Thor. „Aber vielleicht nicht so, wie du es dir vorstellst.“ Thorsten blickte ihn fragend an. „Erzähl mir noch mal genau, was überhaupt passiert ist.“ Thorsten blickte auf seine Füße, die im Sand unter der Schaukel scharrten. „Sie haben mich verraten“, platzte er heraus. „Gepetzt, als wäre unsere Freundschaft nichts wert.“ Er verstummte und auch Thor schwieg. Schließlich sprach Thorsten weiter. „Sie sind einfach zum Kerner und haben mich verraten. Verraten, dass ich bei der Klausur geschummelt hab.“ „Geschummelt?“ Thor zog eine Augenbraue hoch. „Ok, betrogen. Hm, richtig betrogen.“ Thorsten wurde es sehr unbehaglich zumute. Es war wirklich starker Stoff gewesen. Er hatte nicht einfach einen kleinen Spickzettel in seiner Federmappe gehabt. Es war schon eine Spur schärfer gewesen. Er erinnerte sich, dass seine Freunde nichts davon wissen wollten. Er hatte sie ausgelacht. War das Scham, was er da fühlte? Er war doch wütend.

„Und deshalb willst du gegen sie kämpfen?“ Thorsten nickte. „Ich muß doch meine Ehre wiederherstellen.“ Ehre war wichtig bei den Heiden. „Was wäre mit deiner Ehre gewesen, wenn du nicht betrogen hättest?“ Thorsten überlegte einen Moment. „Hm, nichts. Aber jetzt ist sie beschädigt.“ „Wodurch genau?“ hakte Thor nach. „Na durch den Verrat.“ „Du meinst, deine Ehre wäre durch die Ehrlichkeit deiner Freunde und nicht durch deinen Betrug beschädigt worden?“ Thorsten hatte das Gefühl, unter dem Blick des Gottes zu schrumpfen. „Vielleicht solltest du noch mal über Ehre und Mut und so was nachdenken“, schlug Thor vor. „Mutig ist doch auch, für versäumtes geradezustehen, oder nicht?“ Verlegen nickte Thorsten.

Er blickte auf, als er näher kommende Schritte hörte. Er erkannte die Stimmen seiner Freunde. Sie verstummten und blieben am Zugang zum Spielplatz stehen, als sie ihn sahen. Thorsten stand auf und ging auf sie zu. Er ging an der Bank vorbei, auf der Thor gesessen hatte – sie war leer. „Ich möchte mit euch reden…“

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