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Der Brunnen – Teil 2

„Allvater“, brachte Jens ehrfürchtig hervor. „Stimmt“, bestätigte sein Gegenüber. „Was suchst Du hier? Das ist eigentlich kein Ort für Menschenkinder.“ Ein wenig ärgerte Jens sich über die Bezeichnung „Kinder“ – schließlich war er schon 17, aber er schluckte seinen Unmut hinunter, es ging um wichtigeres. „Rat! Rat suche ich.“

„Wegen Deiner Eltern?“ Jens war erleichtert, dass er offensichtlich nicht so viel erklären musste. Er nickte nur. Zu seinem Entsetzen schüttelte Odin den Kopf. „Du brauchst keinen Rat.“ „Doch“, beteuerte Jens. „Wie soll ich Gemeinschaft leben, wenn sie mich nicht lassen? Sie wollen einfach nicht akzeptieren, dass ich mich verändert habe.“

Der alte Wanderer seufzte. „Wie lange lebst Du denn schon anders?“ „Fast ein Jahr“, rief Jens. „Ok, es hat gedauert, bis ich das kapiert hab, mit den neun Tugenden und so, aber dann habe ich mich wirklich bemüht.“ Diesmal nickte Odin. „Das stimmt, sonst wärst Du auch nicht hier, wenn Deine Absichten nicht aufrichtig wären. Aber ich bleibe dabei, Du brauchst keinen Rat, Du weißt es selber.“ Jens blieb der Mund offen stehen. „Was weiß ich?“ wollte er wissen. Er hatte erwartet, ihm würde hier irgendjemand sagen, was er zu tun hatte, um seine Eltern zu überzeugen. Oder er würde durch einen Schluck aus Mimirs Brunnen die entsprechende Erkenntnis bekommen. Und jetzt so was.

„Du hast mir doch gerade etwas von den neun edlen Tugenden erzählt, oder?“ Wieder nickte Jens. „Mut, Wahrheit, Ehre, Treue, Disziplin, Gastfreundschaft, Fleiß, Selbstständigkeit und Ausdauer“, zählte er stolz auf. Anerkennend zog Odin eine Augenbraue hoch. „Gut! Ich empfehle für den Anfang Disziplin und Ausdauer. Ehre ist sowieso selbstverständlich, oder?!“

Ganz langsam begriff Jens. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, sich von seinen alten Untaten loszusagen. Aber er musste zeigen, dass es Bestand hatte. Ein bisschen enttäuscht war er schon. So einfach sollte das sein? Einfach weitermachen? Noch ein Jahr? Oder zwei? Es dämmerte ihm: Für immer, wenn es seine Entscheidung war, den Weg mit den Göttern zu gehen.

„Kann ich jetzt gehen? Ich habe heute noch eine Verabredung mit meinem alten Freund Mimir.“ Noch ganz in Gedanken nickte Jens und so kam es, dass er sich nicht einmal bei seinem Fultrui bedankte oder sich verabschiedete. Zögernd trat er den Rückweg an, der erstaunlich kurz war. Viel kürzer, als Jens es in Erinnerung hatte.

Es war schon dunkel, als er in die Straße einbog, in der er wohnte. Seine Eltern wollten gerade zu Abend essen. Immer noch grübelnd, setzt Jens sich zu ihnen.

„Du trägst ja immer noch diesen Hammer“, bemerkte sein Vater. Sofort ging Jens innerlich in Verteidigungsstellung, deshalb dauerte es einen Moment, bis ihm auffiel, dass sein Vater zum ersten Mal bei diesem Thema keinen feindlichen Ton angeschlagen hatte. Erstaunt blickte er auf. „Wußtest Du, dass hier in der Nähe ein germanisches Museumsdorf aufgebaut wird?“ Jens schüttelte den Kopf, was war denn hier los?

Jetzt mischte sich seine Mutter ein: „Was Papa sagen möchte ist, dass wir es gut finden, wie Du Dich in den letzten Monaten verändert hast. Wir haben auch ein bisschen im Internet recherchiert und wir haben den Eindruck, Deine positiven Veränderungen haben auch mit Deinen neuen Interessen zu tun.“

„Warum habt ihr mir nicht zugehört? Ich wollte Euch das erklären“, wollte Jens wissen. „Es hat eine Weile gedauert, bis wir bereit waren, Dir wieder zu vertrauen. Dazu mussten wir erst einmal sehen, ob es bei Deiner neuen Einstellung bleibt. Bisher war Ausdauer ja nicht so Deine Stärke.“ Bei dem Wort „Ausdauer“ klang etwas bei Jens an. Das hatte er doch gerade erst gehört. Er nickte. „Ich verstehe.“

Als er später im Bett lag, lief dieser Tag noch einmal vor Jens innerem Auge ab. Er war erleichtert und froh. Im Hinüberdämmern in den Schlaf sah er aus den Augenwinkeln eine Gestalt an seinem Fenster vorbeihuschen. Mit Hut und Umhang. Oder doch nur Nebelschwaden?

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