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Völva – Teil 2

„Wer wagt es, mich den langen Weg aus Hels Halle zu rufen, in der ich lange weile. Sprich Umbekannter, wer bist du?“

„Ich bin Wegtam, Waltams Sohn“, antwortete Odin. „Erzähl mir von Hels Halle. Für wen ist sie geschmückt? Für wen der Platz bereitet?“

Die undeutliche Gestalt auf dem Hügel schien sich zu winden. „Für Baldur ist alles bereit. Die Asen ahnen das Unheil. Du hast mich genötigt zu sprechen, doch jetzt will ich schweigen.“ Der Nebel wurde durchsichtiger und konturloser, doch Odins Worte zwangen die Gestalt zu bleiben. „Sprich weiter, Völva, ich muß alles wissen. Sage mir, wer wird den Sohn Odins töten?“

Die Kälte schien noch zuzunehmen, als die Seherin sprach: „Hödur wird Odins Sohn in Hels Halle bringen.“ Der Oberste der Asen erschauerte. Hödur? Baldurs Bruder? Der Blinde? Klar war jedenfalls, dass ein Mord an Baldur nicht ungerächt bleiben konnte. „Ich muß alles wissen, Völva! Wer wird es sein, der Baldur rächt, seinen Mörder seiner gerechten Strafe zuführt?“  Die Nebelgestalt ächzte. Sie wollte nicht reden, sie wollte in Hels Halle zurück. Doch sie musste sprechen: „ In der Westhalle wird Rind den Rächer zur Welt bringen. Erst einen Tag alt, wird er Rache nehmen an Baldurs Mörder. Ich bin gezwungen zu sprechen, doch jetzt will ich schweigen.“

Doch ein Letztes hatte Odin noch: „Ich muß auch das Übrige wissen: Wer wird Baldur beweinen, wer sind die Mädchen, die ihre Tücher in den Himmel werfen?“ Der Nebel wurde wieder durchsichtiger, zog sich zusammen, wechselte die Farbe von weiß zu grau und schien zu verschwimmen. „Du bist nicht Wegtam“,  erkannte die Völva. „Du bist Allvater!“ „So ist es“, gab Odin zu. „Reite jetzt Heim“, forderte die Seherin den Asen auf. „Niemand soll mir wieder so nahe kommen, bis Loki sich von seinen Fesseln befreit hat und das Los der Götter sich vollendet!“ Sie verstummte und die Nebel lösten sich langsam auf, wurden wieder eins mit dem allgegenwärtigen Dunst.

Odin blieb noch einen Moment, die Worte der Völva klangen in ihm nach. Sleipnir kam und stupste ihn an. Zeit, nach Hause zu reiten.

Mühsam zog sich der Gott auf Sleipnirs Rücken. Baldur würde also tatsächlich sterben. Wieviel Licht würde damit verloren gehen. Wieviel dunkler würde es in Asgard und Midgard werden. Konnte er nichts tun?

Ja, er musste nach Hause, mit Frigg reden. Sie war Baldurs Mutter, vielleicht hatte sie eine Idee.

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